Der Topf hängt schon eine Weile über dem Feuer. Niemand rührt darin. Ab und zu greift der Winzer an den Henkel und schwenkt den ganzen Kessel einmal kurz, mehr nicht. Fiš paprikaš wird nicht umgerührt, sonst zerfällt der Fisch. Das lernt man hier schneller als jede Weinregel.
Dann drückt er dir einen Löffel in die Hand und nickt Richtung Kessel. Es ist kein großes Ritual, eher eine Einladung ohne Worte. Und du ahnst schon jetzt, dass du dich an diesen Abend noch lange erinnern wirst.
Von Baranja hört man nicht oft. Wer an Kroatien denkt, denkt ans Meer. Dabei beginnt ganz oben im Nordosten, im Dreieck zwischen Donau, Drau und der ungarischen Grenze, ein anderes Kroatien. Flacher, ruhiger, ein Stück rustikaler. Immer, wenn ich meine Tante dort besuche, frage ich mich, warum so wenige Reisende den Weg hierher finden.
Weite Felder, breite Donau: so sieht Baranja aus
Die ersten Kilometer sind fast nur Himmel. Mais, Sonnenblumen, Weizen, dazwischen schnurgerade Straßen und Dörfer, die sich lang an einer Hauptstraße entlangziehen. Auf fast jedem Strommast und Kirchturm sitzt ein Storchennest. Im Sommer klappern die Störche manchmal lauter als der Verkehr.
Die Donau fließt hier breit und gemächlich. Je näher man dem Naturpark Kopački Rit kommt, desto mehr bestimmen Seitenarme, Tümpel und überflutete Wiesen die Landschaft.
Erst bei Zmajevac und Suza wird die Landschaft wellig. Die Banska kosa, ein flacher Höhenrücken, ist kaum mehr als ein Hügel. Für Baranja ist sie trotzdem ein Berg, und auf ihr wächst der Wein.
Weinkeller im Lösshang: die Gatori von Zmajevac
Das ist meine Lieblingsbesonderheit der Region: Die Weinkeller in Zmajevac und Suza sind nicht gebaut, sie sind gegraben. Der Boden hier ist Löss, über Jahrhunderte vom Wind angewehter Staub, fest genug, um Gänge hineinzuschlagen. Diese Keller heißen Gatori.
Sie liegen in Surduci, schmalen Hohlwegen, die sich tief in den Hang geschnitten haben. Links und rechts ragen die Lösswände auf, und in diese Wände sind die Kellertüren eingelassen, eine neben der anderen. Rund 80 solcher Keller gibt es allein in den beiden bekanntesten Hohlwegen. Zwei der bekanntesten Hohlwege in Zmajevac tragen die Konfession der Kirche, an der sie beginnen: Es gibt den katholischen Surduk und den reformierten Surduk. Selbst der Weg zum Wein kennt hier seine Konfession.
Das erzählt viel über Baranja. Zmajevac ist ein ungarisch geprägtes Dorf, auf Ungarisch heißt es Vörösmart. Katholische und reformierte Traditionen gehören seit Jahrhunderten zu Zmajevac, auch orthodoxe Spuren gehören zur Geschichte der Region. Und manchmal liegen die Keller der verschiedenen Traditionen nur ein paar Meter auseinander.

Kneževi Vinogradi und der alte Weinkeller
Kneževi Vinogradi gehört zu den traditionsreichsten Weinorten Baranjas. Besonders bekannt ist der alte Weinkeller von Belje, der tief in den Hang gebaut wurde und sich über mehrere Ebenen erstreckt. In den langen Gewölben stehen große Holzfässer, und der Weinbau gehört hier seit Jahrhunderten zum Ort.
Graševina und was sonst ins Glas kommt
Ausgeschenkt wird vor allem Graševina, der Welschriesling, Kroatiens wichtigste Weißweinsorte. In Baranja ist er frischer und mineralischer, als viele erwarten. Daneben findest du Chardonnay, Traminer, Sauvignon, Pinot Noir und Cabernet.
Viele Familienweingüter bieten Verkostungen an, oft direkt im Gator, mit einem Teller Kulen, Käse und Brot dazu. Eine feste Öffnungszeit haben viele nicht. Es lohnt sich deshalb, vorher anzurufen und einen Termin zu vereinbaren.
Tipp: Ende September findet in Zmajevac der Vinski maraton, der Weinmarathon, statt. Die Teilnehmer ziehen durch die Surduci von Weinkeller zu Weinkeller und probieren an den einzelnen Stationen die Weine der Region. Bei früheren Ausgaben warteten mehr als 20 Stationen entlang der Strecke. Wer sie alle besuchen wollte, brauchte also durchaus etwas Ausdauer. Dazu kommen Essen, Musik und viel Geselligkeit. Gewonnen hat hier am Ende jeder, der ankommt.
Baranjski Kulen: mehr als eine Wurst
Kulen gibt es in ganz Slawonien. Der aus Baranja ist trotzdem ein eigenes Kapitel. Er war der erste kroatische Kulen, dessen Name auf EU-Ebene geschützt wurde. Seit 2015 ist Baranjski Kulen in der EU als geschützte geografische Angabe, kurz g.g.A., registriert. Damit ist nicht nur der Name geschützt: Auch Zutaten, Zusammensetzung und Herstellung folgen einer festgelegten Produktspezifikation, und der gesamte Herstellungsprozess muss in Baranja stattfinden.
Hinein kommen hochwertiges Schweinefleisch, Paprika, Knoblauch, Salz und Pfeffer. Danach wird der Kulen kalt geräuchert und reift mehrere Monate. Früher war Kulen ein Zeichen von Wohlstand und etwas für besondere Anlässe. In manchen Familien wurden nur wenige Stück im Jahr gemacht, einer für Ostern, einer für besondere Gäste. Wenn dir in Baranja jemand Kulen aufschneidet, ist das also nie einfach nur ein Snack.
Am schönsten probiert man ihn direkt bei den Produzenten in den Dörfern, viele bieten Verkostungen an. Ein Stück zum Mitnehmen hält sich gut und wird zu Hause schnell zum besten Mitbringsel.
Fiš paprikaš: das Gericht, für das man sich Zeit nimmt
Fiš paprikaš ist kein Gericht für Eilige. Gekocht wird im Kessel über offenem Feuer, mit mehreren Sorten Flussfisch, meist Karpfen, Wels und Hecht. Dazu reichlich Paprika, eine Menge Zwiebeln und Geduld. Es ist scharf, rot und so dünn, dass manche es für eine Suppe halten. Bitte sag das in Baranja nicht laut.
Gegessen wird er mit hausgemachten Bandnudeln, und ein Glas Graševina daneben ist hier fast Pflicht. Die beste Adresse ist eine Čarda, ein einfaches Fischlokal am Wasser. Noch besser ist nur ein Winzer, der den Kessel selbst im Hof aufhängt.
Kopački Rit: wenn die Donau den Weg verliert
Der Naturpark Kopački Rit liegt dort, wo Drau und Donau zusammenfließen. Es ist eines der größten und am besten erhaltenen Flussauengebiete Europas, und es verändert sich mit jedem Wasserstand. Was im Frühjahr ein See ist, kann im Spätsommer eine Wiese sein.
Für Vogelfreunde ist das hier ein Paradies: Seeadler, Reiher, Kormorane, Schwarzstörche. Im Herbst röhren die Hirsche in den Auwäldern, und morgens hängt oft Nebel über dem Wasser. Am besten erkundest du den Park mit dem Boot oder zu Fuß über die Holzstege. Für Bootsfahrten und andere Besucherprogramme ist eine Reservierung erforderlich.
Tipp: Kombiniere den Besuch mit dem Schloss von Prinz Eugen von Savoyen in Bilje, nur ein paar Minuten entfernt. Der Feldherr ließ sich hier Anfang des 18. Jahrhunderts ein Jagdschloss bauen, nachdem ihm das Gut Belje übertragen worden war.
Dörfer, Agrotourismus und langsame Tage
Baranja lebt vom Land, und genau das macht den Urlaub hier aus. Statt großer Hotelanlagen findet man vor allem Bauernhöfe, Ferienhäuser und kleine Pensionen mit viel Platz drumherum. Viele Gastgeber kochen selbst, oft mit Zutaten aus der Region.
Besonders sehenswert ist Karanac. In der Ulica zaboravljenog vremena, der „Straße der vergessenen Zeit“, kann man alte Werkstätten und Handwerke aus Baranja besichtigen. In historischen Scheunen sind unter anderem eine Tischlerei, eine Töpferei, eine Fassmacherwerkstatt, eine Barbierstube und eine alte Gaststube eingerichtet.
Dazu kommen die typischen Baranja-Häuser mit ihren langgezogenen Höfen und überdachten Gängen, auf denen im Sommer gegessen, geredet und geschwiegen wird.
Hier fragt dich niemand, was du heute noch vorhast. Und nach zwei Tagen merkst du, dass du dir die Frage selbst auch nicht mehr stellst.
Baranja: praktische Tipps für deine Reise
- Anreise: Osijek ist ein guter Ausgangspunkt für Baranja. Viele der Dörfer und Sehenswürdigkeiten liegen etwa 20 bis 40 Autominuten entfernt. Ein Auto ist für die Region fast unverzichtbar.
- Beste Reisezeit: Besonders schön sind Mai und Juni sowie September und Oktober. Im Frühjahr ist die Landschaft grün und weit, im Spätsommer und Herbst beginnt die Weinlese. Im September kommt die Hirschbrunft in Kopački Rit dazu.
- Übernachten: Besonders gut zu Baranja passen Agrotourismus-Höfe, Ferienhäuser und kleine Pensionen in Orten wie Karanac, Zmajevac oder Suza.
- Gut zu wissen: Bei kleineren Weingütern und Höfen lohnt es sich, vorher anzurufen. Das erspart verschlossene Tore und sorgt oft dafür, dass sich die Gastgeber wirklich Zeit nehmen können.
Von Zagreb nach Baranja: ein Tag im unbekannten Osten Kroatiens
Wer in Zagreb unterwegs ist und noch eine ganz andere Seite Kroatiens kennenlernen möchte, kann Baranja auch auf einer privaten Tagestour entdecken. In rund zwölf Stunden führt die Route weit weg von Küste und klassischen Städtezielen nach Đakovo, Osijek, Kopački Rit und in die Weinregion Baranja.
Besonders schön ist die Mischung: erst Stadt und Geschichte, dann Natur und schließlich Wein. Im Naturpark Kopački Rit geht es aufs Wasser, anschließend wartet in Baranja eine Verkostung bei einem Familienweingut. Dazu werden regionale Spezialitäten wie Kulen, Käse und Brot gereicht.
Für alle, die neugierig auf Ostkroatien sind, aber nicht gleich einen ganzen Urlaub dort verbringen möchten, ist das eine unkomplizierte Möglichkeit, an einem Tag einen ersten Eindruck von der Region zu bekommen.
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Zurück am Kessel
Irgendwann ist es dunkel. Das Feuer ist heruntergebrannt, der Kessel fast leer, und der Winzer schwenkt ihn ein letztes Mal, diesmal nur aus Gewohnheit. Jemand schenkt noch einmal Graševina nach. Niemand hat es eilig.
Genau dieser Moment ist Baranja. Kein Strand, keine Promenade, kein Programm. Nur ein Topf über dem Feuer, ein Löffel in deiner Hand und Menschen, die dich behandeln, als wärst du schon immer da gewesen.
Und beim nächsten Besuch weißt du schon: Nicht umrühren. Nur schwenken.
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- Zagreb – Kroatiens Hauptstadt zeigt eine ganz andere Seite des Landes als die Adriaküste, mit Märkten, Kaffeehauskultur und mitteleuropäischen Einflüssen.
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Bildquelle: Kristina Kutleša / Unsplash