Warum sich Zeit in Kroatien anders anfühlt – Beobachtungen aus Dalmatien

Ein Morgen auf der Riva

Es ist kurz nach acht Uhr in Split. Die Sonne steht bereits hoch genug, um die Fassaden der Altstadt warm zu färben, aber die Hitze des Tages hat sich noch nicht durchgesetzt. Auf der Riva sitzen die ersten Gäste vor den Cafés. Ein Mann rührt langsam in seinem Kaffee. Zwei ältere Herren diskutieren mit der Ernsthaftigkeit von Staatsmännern über ein Thema, das vermutlich Fußball betrifft.

Niemand scheint in Eile zu sein.

Der Kellner bringt einen zweiten Espresso. Dann einen dritten. Irgendwann kommt noch ein Stück Burek vom Bäcker nebenan dazu. Die Gespräche gehen weiter, die Stühle bleiben besetzt. Die Uhr zeigt inzwischen halb zehn. Der Morgen ist noch immer im Gange.

Und doch wirkt es nicht wie ein Innehalten vor dem eigentlichen Tag. Eher wie ein Teil davon.

Was anderswo ein kurzer Moment vor der Arbeit wäre, ist hier ein fester Abschnitt des Morgens, kein Zwischenschritt.

Die Zeit verhält sich hier nicht anders. Sie wird nur anders gefüllt.

Gegen Mittag

„Zatvori škure“, hat meine Oma immer gesagt. Schließ die Fensterläden, bevor die Hitze ins Haus kommt.

In vielen Häusern passiert genau das zur Mittagszeit. Räume werden abgedunkelt, draußen wird es ruhiger.

Man bleibt, wenn möglich, im Schatten. Auch Cafés reagieren darauf. In manchen wird in kurzen Abständen ein feiner Sprühnebel über die Tische gegeben, damit die Wärme etwas erträglicher wird.

Am späten Nachmittag öffnen sich die Fensterläden. Gespräche verlagern sich nach draußen, auf den Straßen ist wieder mehr Bewegung. 

Es ist kein spektakulärer Vorgang, aber genau diese Unterbrechung gibt dem Tag seinen Rhythmus.

Wie lange ein Kaffee dauern kann

Eine der zuverlässigsten Beobachtungen in kroatischen Städten: Der Kaffee dauert hier oft länger, als man es erwarten würde.

In vielen Cafés bleiben Gäste erstaunlich lange sitzen. Ein Kaffee kann problemlos eine Stunde dauern, manchmal zwei. Nicht, weil der Service langsam wäre, sondern weil niemand es eilig hat, wieder aufzustehen.

Das gilt besonders für Orte wie die Riva in Split oder die Promenade von Makarska. Ein Café ist hier keine Zwischenstation, sondern ein Ort, an dem man Zeit miteinander teilt.

Die Gespräche sind selten hektisch. Oft geht es um Alltag, Familie oder Fußball. Manchmal auch um Politik. Gelegentlich um nichts.

Zeit wird hier nicht gefüllt. Sie wird verbracht.

Fjaka: ein Wort für ein Gefühl

Hängematte im Schatten von Bäumen am Abend beim Sonnenuntergang, Sinnbild für Ruhe und Entspannung.

In Dalmatien gibt es ein Wort, das diese Haltung gut beschreibt: Fjaka.

Es bezeichnet einen Zustand ruhiger Gelassenheit, oft ausgelöst durch Wärme, Meerluft und ein Gefühl von „es muss jetzt gerade nichts passieren“. Der Begriff ist schwer zu übersetzen, weil er weder Faulheit noch Müßiggang meint.

Fjaka beschreibt eher einen Moment, in dem der Druck der Zeit kurz verschwindet.

Wer an einem Sommernachmittag in einer Konoba sitzt, vielleicht in einem kleinen Ort auf Hvar oder Brač, erkennt das Prinzip schnell. Die Gespräche laufen langsam, der Wein kommt in kleinen Karaffen auf den Tisch und niemand schaut auffällig oft auf sein Telefon.

Nicht weil Zeit keine Rolle spielt.
Sondern weil gerade ausreichend davon vorhanden ist.

Die Rolle des Alltags

Dieses Zeitgefühl entsteht nicht nur im Urlaub. Es zeigt sich hier auch im Alltag.

Auf Märkten etwa, die in Kroatien eine wichtige soziale Funktion haben. Der Gemüsemarkt von Split oder der Dolac-Markt in Zagreb sind nicht nur Einkaufsorte. Sie sind Treffpunkte.

Ein kurzer Einkauf kann dort leicht doppelt so lange dauern wie geplant. Ein Verkäufer fragt nach der Familie. Zwei Kunden diskutieren über Olivenöl. Jemand bleibt stehen, um Bekannte zu begrüßen.

Zeit wird hier nicht effizient verwaltet. Sie wird sozial genutzt.

Für Außenstehende wirkt das manchmal wie ein Umweg. Für Einheimische ist es schlicht Teil des Tages.

Warum sich Zeit hier anders anfühlt

Das hat weniger mit Romantik zu tun, als man zunächst denken könnte.

Es ist eine Mischung aus Klima, Tagesstruktur und sozialem Verhalten. Hitze verschiebt Aktivitäten in den Abend. Öffentliche Räume wie Promenaden und Cafés fördern Begegnungen. Und viele Gewohnheiten sind darauf ausgerichtet, Zeit gemeinsam zu verbringen.

Zusammen ergibt sich ein Tagesrhythmus, der weniger durch Uhrzeiten bestimmt wird als durch Licht, Hitze und Begegnungen.

Man arbeitet. Man erledigt Dinge. Aber dazwischen gibt es immer wieder Phasen, in denen nichts drängt.

Und genau diese Momente bleiben Besuchern oft im Gedächtnis.

Auf der Riva am Abend

Später am Abend, in einem Café auf der Riva in Split, steht auf einem Tisch noch eine Karaffe Wein und ein paar Gläser.

Die Teller sind längst abgeräumt. Trotzdem sitzt die Runde noch dort. Die Stimmen sind laut geworden, Hände bewegen sich durch die Luft, jemand unterbricht den anderen, alle reden durcheinander und lachen.

Niemand scheint genau zu wissen, wann dieser Abend begonnen hat.

Und offenbar hat auch noch niemand beschlossen, wann er endet.

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Bildquelle: Envato Elements