Das Tempo der Inseln
Manchmal beginnen kroatische Inseln nicht mit dem ersten Blick aufs Meer, sondern mit einer Warteschlange am Hafen.
Autos stehen dicht hintereinander, jemand trägt noch schnell Wasserflaschen aus dem kleinen Laden herüber, irgendwo zischt eine Kaffeemaschine. Die Fähre liegt schon da, schwer und ruhig, als wüsste sie genau, dass hier niemand schneller ankommt, nur weil er ungeduldig wird.
Wer auf eine kroatische Insel fährt, merkt oft schon vor der Überfahrt: Inseln haben ihr eigenes Tempo.
Einige sind über eine Brücke erreichbar und fühlen sich fast wie eine Verlängerung des Festlands an. Andere verlangen Planung, Fahrpläne und ein bisschen Geduld. Manche sind karg und vom Wind gezeichnet, andere grün, bewaldet oder von Weinbergen, Trockenmauern und alten Hafenorten geprägt.
Dieser Überblick führt von der Kvarner Bucht bis nach Süddalmatien, von Krk bis Lastovo. Zwölf Inseln, keine Rangliste. Eher eine Annäherung an das, was Kroatiens Inseln unterscheidet: ihre Lage, ihre Landschaft, ihre kleinen Besonderheiten und dieser ganz eigene Rhythmus, der oft schon beginnt, bevor man angekommen ist.
Von der Kvarner Bucht bis nach Süddalmatien
Der Weg führt von Norden nach Süden durch vier Regionen:
- die Kvarner Bucht mit Krk, Cres, Lošinj und Rab
- Norddalmatien mit Pag und Dugi Otok
- Mitteldalmatien mit Brač, Hvar und Vis
- Süddalmatien mit Korčula, Mljet und Lastovo
Kvarner Bucht – Inseln zwischen Brücke, Wind und alten Hafenorten
Krk
Krk liegt in der Kvarner Bucht und ist über die bekannte Brücke mit dem Festland verbunden. Schon die Fahrt hinüber hat etwas Markantes: blaues Wasser, helle Küstenlinie, Stein und eine Aussicht, die im Gedächtnis bleibt.
Die Insel zählt zu den größten Inseln Kroatiens und ist besonders in der Hauptsaison gut besucht. Zu ihren bekanntesten Orten gehört Baška im Süden der Insel. Der lange Strand Vela plaža liegt dort direkt vor dem Ort und gehört zu den bekanntesten Stränden der Kvarner Bucht.
Ein anderes Detail führt nach Vrbnik. Dort wächst im Vrbničko polje die Žlahtina, eine autochthone weiße Rebsorte. Aus ihr entsteht die Vrbnička žlahtina, einer der bekanntesten Weine der Insel, der spätestens vor Ort einen Versuch wert ist.
Cres
Cres liegt südlich von Krk und gehört ebenfalls zu den Inseln der Kvarner Bucht. Die Insel ist lang, stellenweise dünn besiedelt und wirkt an vielen Orten karger als die bekannteren Küstenorte der Region.
Im Norden der Insel liegt Beli, einer der ältesten Orte auf Cres. Rund um den Ort wird die Landschaft steiler und felsiger. Eine passende Umgebung für die Gänsegeier, die in der Kvarner-Region auf Felsen direkt über dem Meer nisten.
Die Gänsegeier auf Cres gehören zu den wenigen verbliebenen Brutvorkommen dieser Art in Kroatien. Ein Besucher- und Rettungszentrum kümmert sich dort um ihren Schutz.
Lošinj
Lošinj ist mit der Nachbarinsel Cres über eine kleine Brücke verbunden. Im Vergleich zu Cres wirkt Lošinj grüner, dichter bewachsen und stärker von Buchten, Promenaden und alten Seefahrerorten bestimmt.
Mali Lošinj ist der bekannteste Ort der Insel. Der Hafen zieht sich tief in den Ort hinein, die Häuser stehen dicht am Wasser, und rundherum liegen Buchten wie Čikat, die Lošinj seit langer Zeit als Bade- und Kurort bekannt gemacht haben.
Mitten in Mali Lošinj steht das Museum des Apoxyomenos. Es widmet sich einer antiken Bronzestatue eines Athleten, die vor Lošinj im Meer gefunden wurde. Der Name Apoxyomenos bezeichnet in der antiken Kunst einen Sportler, der sich nach dem Wettkampf mit einem dafür vorgesehenen Schaber reinigt. Genau diesen Moment zeigt die Statue.
Rab
Rab gehört ebenfalls zur Kvarner Bucht und ist für kroatische Verhältnisse ungewöhnlich sandig. Besonders rund um Lopar liegen mehrere natürliche Sandstrände; der bekannteste ist die Rajska plaža mit flachem Wasser und viel Betrieb in den Sommermonaten.
Doch Rab hat noch eine zweite, weniger erwartbare Geschichte. In der Kandarola-Bucht sollen Edward VIII. und seine spätere Ehefrau Wallis Simpson im Jahr 1936 nackt gebadet haben. Dieses Ereignis gilt heute als einer der Einstiegsmomente des Naturismus an der Adria.
Die Altstadt von Rab liegt auf einer schmalen Halbinsel. Ihre vier Glockentürme gehören zur Kathedrale Mariä Himmelfahrt sowie zu den Kirchen St. Johannes Evangelist, St. Andreas und St. Justine. Diese dichte Abfolge der Kirchtürme macht die Ansicht der Altstadt so unverwechselbar.
Norddalmatien – Stein, Salz und geschützte Natur
Pag

Pag liegt vor der Küste Norddalmatiens und ist im Süden über die Pager Brücke mit dem Festland verbunden. Schon bei der Anfahrt fällt auf, wie karg die Insel an vielen Stellen wirkt: heller Stein, wenig Schatten, kaum hohe Vegetation.
Salz, Wind und niedrige Kräuter prägen die Vegetation, von der sich die Schafe der Insel ernähren. Genau diese Bedingungen gehören zu den Gründen, warum der Paški sir so besonders ist. Der Schafskäse von Pag ist seit 2019 EU-geschützt und zählt zu den bekanntesten Spezialitäten der Insel.
Ein feineres Gegenstück dazu ist die Paška čipka, die Pager Spitze. Sie gehört seit 2009 gemeinsam mit der Spitze aus Lepoglava und Hvar zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Ein filigranes Handwerk auf einer Insel, die nach außen oft zuerst rau wirkt.
Dugi Otok
Dugi Otok liegt vor Zadar und gehört zu den markanten Inseln Norddalmatiens. Der Name bedeutet „lange Insel“ und genau so zieht sie sich auch vor der Küste entlang.
Besonders bekannt ist der Naturpark Telašćica im Südosten der Insel. Hier treffen eine tief eingeschnittene Bucht, die steilen Kalkklippen, lokal Stene genannt, und der Salzsee Mir auf engem Raum aufeinander.
Die Klippen ragen bis zu rund 160 Meter über das Meer. In der Bucht liegen mehrere kleine Inseln und Felseninseln, während der See Mir auf dem schmalen Landstreifen zwischen Bucht und offener Adria liegt. Ein Ort, der zugleich Ruhe, Weite und dramatische Natur vereint.
Mitteldalmatien – Inselwelt vor Split
Brač
Brač ist eine der größeren Inseln Mitteldalmatiens. Bekannt ist sie vor allem für den Zlatni Rat bei Bol, einen der markantesten Strände Kroatiens, der seine Form je nach Wind und Strömung leicht verändert.
Die Insel ist auch für ihren hellen Kalkstein bekannt, der über Jahrhunderte in Bauwerken auf der Insel und darüber hinaus verwendet wurde. Der wichtigste Ort für dieses Handwerk ist Pučišća an der Nordküste.
Dort befindet sich die Steinmetzschule, in der zukünftige Steinmetze noch heute mit alten römischen Handwerkzeugen arbeiten. Das macht den Ort nicht nur schön anzusehen, sondern auch zu einem der wenigen Orte, an denen dieses Handwerk noch ganz praktisch weitergegeben wird.
Hvar
Hvar gehört zu den bekanntesten Inseln Kroatiens. Die Altstadt von Hvar‑Stadt liegt geschützt an einer natürlichen Bucht und wird von der mächtigen Festungsanlage Španjola überragt.
Im Frühsommer, wenn die Lavendelblüte ihren Höhepunkt erreicht, färben sich große Teile der Inselhänge violett. Die Erntezeit im Juni und Juli zieht viele Besucher an, und der intensive Duft des Lavendels mischt sich in der warmen Luft über Feldern und Wegen.
Hvar hat über die Jahre auch einen gewissen Ruf als Lifestyle‑Ziel bekommen. Besonders in der Hochsaison liegen vor Hvar‑Stadt oft viele Yachten im Hafen, und Bars sowie Restaurants in der Altstadt gehören zu den lebhaftesten Treffpunkten der dalmatinischen Inselwelt.
Vis
Vis liegt weiter draußen in der Adria und ist die am weitesten vom Festland entfernte bewohnte dalmatinische Insel. Diese Abgeschiedenheit hat dazu geführt, dass Teile der Insel ursprünglicher geblieben sind als auf den benachbarten Inseln.
Die militärische Nutzung hat die Geschichte der Insel stark bestimmt; bis 1989 war der Zugang für ausländische Besucher stark eingeschränkt. Heute findet man in Städten wie Komiža und Vis-Stadt kleine Häfen, enge Gassen und vereinzelte Weingüter, die lokale Sorten wie Vugava kultivieren.
Ein bekanntes Naturziel liegt auf der kleinen Nachbarinsel Biševo: die Blaue Grotte. Sie wird häufig von Komiža aus besucht und gehört zu den bekanntesten Ausflügen rund um Vis. Die kleine Meeresgrotte, die durch ihr blaues Licht auffällt, ist für Besucher:innen ein besonders fotogenes und beliebtes Fotomotiv.
Süddalmatien – Wein, Wald und Abgeschiedenheit
Korčula

Korčula gehört zu den größeren Inseln Süddalmatiens. Die gleichnamige Altstadt liegt auf einer kleinen Halbinsel, umgeben von Stadtmauern, Türmen und dicht gebauten Steinhäusern.
Ihre Gassen verlaufen fächerförmig, diese Anordnung sollte Luft durch die Stadt lassen und gleichzeitig vor zu starkem Wind schützen.
In Lumbarda, im Osten der Insel, wachsen die Reben der autochthonen Weißweinsorte Grk auf sandigen Böden direkt am Meer. Zwischen hellem Stein, Meeresluft und schmalen Weinpfaden spürt man die Eigenart dieses Weins, der seinen Ursprung genau hier auf Korčula hat.
Mljet
Mljet gilt als eine der grünsten Inseln Dalmatiens. Ausgedehnte Wälder bedecken einen großen Teil der Fläche. Der westliche Teil der Insel ist als Nationalpark Mljet geschützt, der zu den ältesten Nationalparks Kroatiens gehört und rund ein Drittel der Insel umfasst.
Im Zentrum dieses Parks liegen die beiden Salzwasserseen Veliko jezero und Malo jezero. Veliko jezero ist durch einen schmalen Kanal mit dem offenen Meer verbunden und beherbergt auf einer kleinen Insel das Benediktinerkloster Sveta Marija. Der Klosterbau stammt aus dem 12. Jahrhundert; heute sind Kirche und Kloster für Besucher zugänglich und zählen zu den bekanntesten Stationen im Nationalpark.
Die Landschaft rund um die Seen ist geprägt von Kiefern‑ und Steineichenwäldern, Pfaden entlang des Wassers und stillen Buchten, die den Nationalpark zu einem der ruhigeren Inselziele Kroatiens machen.
Lastovo
Lastovo ist die südlichste bewohnte Insel Kroatiens und gehört zu den abgelegensten Zielen des Landes. Dichte Wälder, steile Küsten und zahlreiche kleine Buchten kennzeichnen das Landschaftsbild.
Viele der Dörfer sind klein und traditionell, mit Häusern aus hellem Stein. Auffällig sind die hohen, verzierten Schornsteine, die früher den Rauch der offenen Kamine ableiteten und gleichzeitig mit dekorativen Verzierungen den Wohlstand der Bewohner zeigten: ein typisches Merkmal der Inselarchitektur.
Die Insel ist Teil des Lastovo-Archipels und des gleichnamigen Naturparks, der Lastovo und die vielen kleineren Inseln des Archipels schützt. Hier spürt man die Abgeschiedenheit, die Ruhe und das ursprüngliche Tempo des Lebens auf einer dalmatinischen Insel auf eine ganz besondere Art.
Vom Rhythmus der Inseln
Zwölf Inseln reichen nicht aus, um die kroatische Inselwelt vollständig zu erzählen. Aber sie reichen aus, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie unterschiedlich Kroatiens Inseln sein können.
Genau darin liegt ihr Reiz, sie sind keine austauschbaren Sommermotive. Sie sind karg oder grün, lebhaft oder still, nah am Festland oder weit draußen in der Adria. Wer sie nur als schöne Orte vor der Küste betrachtet, übersieht das Wichtigste: Jede Insel hat ihr eigenes Tempo und lädt ein, sich für eine Weile diesem Rhythmus anzupassen.
Bildquelle: Envato Elements