Bura in Kroatien – Der Wind, der die Küste formt

Im Hafen von Senj klirren die Masten der Segelboote. Die Sicht in der Kvarner Bucht ist ungewöhnlich klar. Eine Böe fährt über die Mole, zieht an Jacken, Kapuzen und losen Leinen. Fischer Jure schaut kurz zum Velebit-Gebirge hinauf, das steil hinter der Küste aufragt.
„Bura“, sagt er nur. Mehr Erklärung braucht es an diesem Morgen nicht.

Wer länger an der kroatischen Adriaküste unterwegs ist, begegnet diesem Wort früher oder später. Nicht als romantische Naturerscheinung, sondern als ganz praktische Erfahrung: ein Wind, der Fähren stoppt, Brücken sperrt und schon mal dafür sorgt, dass deine Wäsche plötzlich woanders hängt.

Was die Bura eigentlich ist

Die Bura ist ein kalter, trockener Fallwind, der vom Landesinneren über die Dinarischen Alpen zur Adriaküste hinabströmt. Bildet sich über dem Landesinneren ein Hochdruckgebiet und über der Adria gleichzeitig niedriger Luftdruck, setzt sich die Luft in Bewegung – vom Hochplateau Richtung Meer. Auf dem Weg über Gebirgskämme und durch Täler beschleunigt sie erheblich.

Bei ausgeprägten Lagen können Böen Geschwindigkeiten von über 200 km/h erreichen.

Besonders deutlich spürt man die Bura dort, wo Gebirge und Küste dicht aufeinandertreffen:

  • Senj
  • die Küste unterhalb des Velebit-Gebirges
  • die Gegend um Zadar
  • die Insel Pag
  • Teile der Kvarner Bucht

Hier gehört der Wind so selbstverständlich zum Alltag wie das Meer selbst.

Senj – eine Stadt, die mit dem Wind lebt

In Senj spricht man über Wind nicht theoretisch. Die Stadt gilt als einer der Orte an der Adriaküste, an denen die Bura besonders stark auftritt. Hier wurden bereits Böen von über 200 km/h gemessen.

Wer durch die Altstadt geht, bemerkt schnell einige Details:

  • massive Steinmauern
  • enge Gassen
  • kleine Fenster

Viele dieser Bauformen stammen aus Zeiten, in denen Häuser gezielt so gebaut wurden, dass sie Winddruck und Zugluft standhalten. Moderne Gebäude folgen anderen Maßstäben. In den älteren Vierteln sieht man noch, wie sehr das Klima die Bauweise geprägt hat.

Wo der Wind besonders stark wird

Die stärksten Böen entstehen entlang des Velebit-Gebirges. Dort fällt das Gelände abrupt zur Küste ab. Kalte Luftmassen aus dem Hinterland werden durch Gebirgspässe kanalisiert und gewinnen auf ihrem Weg Richtung Meer an Geschwindigkeit.

Einige Orte sind deshalb besonders bekannt für ihre Bura:

Pag-Brücke

Wer über die Brücke zur Insel Pag fährt, sieht Warnschilder für starken Seitenwind. Bei kräftiger Bura wird die Verbindung gelegentlich komplett gesperrt.

Maslenica-Brücke bei Zadar

Auch hier entscheidet der Wind manchmal über den Verkehr. Wenn die Böen zu stark werden, wird die Brücke zeitweise für Lkw, Busse und Wohnmobile gesperrt, gelegentlich sogar für den gesamten Verkehr.

Solche Situationen sind an der Küste nichts Ungewöhnliches, besonders in den Wintermonaten.

Wie die Bura Landschaft und Geschmack beeinflusst

Zwischen Karlobag und Pag wirkt die Küste stellenweise fast karg. Der Wind spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Die Bura bringt regelmäßig salzhaltigen Sprühnebel vom Meer an Land. Pflanzen müssen damit zurechtkommen, und viele tun das auf ihre eigene Weise: sie wachsen niedrig, sind widerstandsfähig und oft erstaunlich aromatisch.

Auf der Insel Pag hat das sogar Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Die Schafe grasen auf Flächen, die vom salzigen Wind geprägt sind. Das beeinflusst wiederum die Milch der Tiere.

Daraus entsteht der Paški sir, ein würziger Schafskäse, der international mehrfach ausgezeichnet wurde. In Kroatien gilt er als eine der bekanntesten regionalen Spezialitäten.

Der Wind formt hier also nicht nur die Landschaft, sondern indirekt auch den Geschmack.

Wenn die Bura den Alltag bestimmt

An der kroatischen Küste ist die Bura kein Ausnahmephänomen, sondern Teil des Alltags.

Was das konkret bedeutet:

  • Fähren fahren nicht
  • Brücken werden zeitweise gesperrt
  • Autofahrer reduzieren deutlich die Geschwindigkeit

Gleichzeitig hat der Wind auch eine andere Seite. Nach einer kräftigen Bura wirkt die Luft oft außergewöhnlich klar. Inseln und Bergketten erscheinen plötzlich näher, als sie tatsächlich sind.

Möven über der Mole in Crikvenica an der kroatischen Adriaküste bei starkem Wind, der Bura.

Woran man merkt, dass die Bura kommt

Über dem Velebit-Gebirge erscheinen häufig lange Wolkenstreifen, die sich wie ausgefranste Bänder über die Bergkante legen. Im Hafen beginnen die Masten der Segelboote zu klirren, obwohl das Wasser noch relativ ruhig wirkt.

In vielen Orten werden dann die Fensterläden geschlossen. Wer an der Küste lebt, weiß: Wenn der Wind vom Gebirge her stärker wird, dauert es meist nicht lange, bis die ersten Böen durch die Straßen ziehen.

Jugo und Bura – zwei völlig unterschiedliche Winde

Die Adria kennt mehrere typische Winde. Neben der Bura ist besonders der Jugo (international auch als Sirocco bekannt) prägend.

Der Unterschied ist schnell erklärt:

Bura

  • kalt
  • trocken
  • böig
  • weht vom Land zum Meer

Jugo

  • warm
  • feucht
  • bringt häufig Wolken und Regen
  • weht vom Meer zum Land

Im Hafen erklärt Fischer Jure den Unterschied auf seine Weise. Während er eine Leine neu befestigt, sagt er nur: „Bura rađa, jugo grize“. Die Bura bringt oft klares, kaltes Wetter. Der Jugo dagegen steht für feuchte Luft, Wolken und Tage, die sich schwer anfühlen.

Wann die Bura am häufigsten auftritt

Die Bura ist vor allem in den Wintermonaten präsent. Besonders häufig tritt sie zwischen November und März auf.

Ganz verschwinden kann sie jedoch auch im Sommer nicht. Dann bleibt sie meist schwächer und kürzer.

Ein Wind, der zur Küste gehört

Am Nachmittag lässt der Wind in Senj langsam nach. Die Böen werden seltener, das Klirren der Masten verstummt.

Fischer Jure lehnt am Geländer und beobachtet die Möwen, die gegen den Wind anfliegen.

„Man lernt mit ihr zu leben“, sagt er, „ob man will oder nicht.“

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Bildquellen: Envato Elements, Unsplash